Die Niederrheinische Gesellschaft

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Markthalle

der Niederrheinischen Gesellschaft für Vor- und Frühgeschichtsforschung e.V.

Die Markthalle am Alten Markt

 In den Jahren 1982-1989 wurde der Gebäudekomplex im Süden des Alten Marktes vom Niederrheinischen Museum planmäßig ausgegraben. Er besteht aus den drei Häusern Schwanenstraße 8-10 sowie Alter Markt 2 und 4, die 1944 weitgehend zerstört und anschließend eingeebnet worden sind. Bereits bei der Freilegung der bis 1944 genutzten Kellerräume wurde deutlich, dass diese wesentliche Reste der im Corputiusplan von 1566 bildlich überlieferten Markthalle und ihrer angrenzenden Gebäude aufwiesen. Als älteste Bauteile erwiesen sich im Fortgang der Grabungen überraschenderweise nicht die Markthalle an der Schwanenstraße, sondern die beiden kleinen Häuser unmittelbar am Marktgelände.

Die mittelalterliche Markthalle an der Schwanenstraße (in der Mitte) mit den Nebenhäusern (N) an der Marktseite. Detail aus dem Stadtplan des Johannes Corutius aus dem Jahre 1566.

Ende 13. Jahrhundert

Kurz nacheinander wurden im späten 13. Jahrhundert zunächst das westliche (1), dann das östliche (2) Haus erbaut. Beide hatten Keller mit Außenzugang, Schieferplattenboden und Holzbalkendecke. Die Kellermauern waren überwiegend mit Backstein gemauert. Bemerkenswert sind die zeitgleiche, 2,20 m tiefe, gemauerte Latrinengrube (3) unter der gemeinsamen Grundstücksgrenze und die beiden 1,40 m hohen überwölbten Wandnischen (4) im Keller des östlichen Hauses.
Das westliche Haus bestand im Aufgehenden wohl ganz aus Fachwerk, das östliche zumindest in den Obergeschossen. Ganz ungewöhnlich für das Rheinland sind die mehrfarbig glasierten Flachziegel (Rechteckschnitt) vom Dach des älteren, westlichen Hauses. Die Funktion beider Gebäude ist unbekannt. Lage, Bauaufwand und spätere Geschichte weisen darauf hin, dass sie öffentlichen Aufgaben gedient haben.

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1. Drittel 14. Jahrhundert

Vor 1348, vermutlich schon im frühen 14. Jahrhundert, wurde südlich angrenzend die 16,60 x 8,20 m große, nicht unterkellerte Markthalle (1) errichtet. Bei ihrem Bau mussten die Südmauern beider Nachbarhäuser erneuert werden; der östliche Keller erhielt damals drei Lichtnischen (3) und die Konsolen (4) für ein Balkenauflager.
Die Markthalle war zweigeschossig, ganz aus Backstein gebaut und im Erdgeschoss an beiden Schmalseiten fast in voller Breite geöffnet (2), so dass man mit Wagen hineinfahren konnte. Türschwellen fehlten, die beiden Mittelpfosten der Toröffnungen wurden einzeln fundamentiert. Marktbänke und Stadtwaage sind durch Rechnungen überliefert, alle archäologisch fassbaren Überreste der Innenausstattung sind spätestens bei der Unterkellerung 1882 zerstört worden.

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14./15. Jahrhundert

Die Markthalle ist 1406 umgebaut worden; damals wurden die beiden Toröffnungen der Giebelseiten verkleinert und erhielten die gut verschließbaren Rundbogentore (1), die auf dem Corputiusplan von 1566 erkennbar sind.
Auch die beiden angrenzenden Gebäude sind seit dem 14. Jahrhundert wiederholt umgebaut worden: Der westliche Keller erhielt ein Gewölbe, der östliche eine hölzerne Zwischenwand (2); später wurden beide Keller durch eine Tür miteinander verbunden. Es ist denkbar, dass die Latrine (3) im 14. und 15. Jahrhundert für das Marktpublikum öffentlich zugänglich war. Teile des Latrineninhaltes sind mehrfach in flachen Gruben (4) in den Kellern entsorgt worden. Diese Gruben haben wie die Latrine wichtige, gut datierbare Funde erbracht.

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1. Hälfte 16. Jahrhundert

1507 verkaufte die Stadt die städtische Scharne (Fleischhalle) an der Schwanenstraße und ließ die Markthalle durch eine Fachwerkwand (1) unterteilen; ein Raum diente jetzt als Scharne, der andere als Burgerichtshaus. Das Burgericht, in dem über Schulden und bewegliches Gut verhandelt wurde, mag auch zuvor schon im Obergeschoss der Halle getagt haben.
Im frühen 16. Jahrhundert waren die beiden kleinen Häuser schon in Privatbesitz übergegangen, die Besitzer sind seit 1520 bzw. 1548 bekannt. Das westliche Haus wurde damals etwas verkleinert neu gebaut, der östliche Keller über dem erhaltenen Mittelpfeiler (2) eingewölbt, beide Keller wieder getrennt. 1533 erhielt das östliche Haus eine neue Backstein-nordmauer (3), die vermutlich die bis dahin weit zum Markt vorragenden Fachwerkobergeschosse abfing.
Der spätmittelalterliche Zustand des östlichen Hauses ist, mit geringen Umbauten des 18.-19. Jahrhunderts, bis 1944 erhalten geblieben und in Fotos überliefert.

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2. Hälfte 16. Jahrhundert

1559/60 baute die Stadt die Markthalle zum „akademischen Gymnasium“ um: Sie wurde umfassend instand gesetzt, erhielt eine steinerne Außentreppe (1) zu den Obergeschossen, ein Schieferdach, neue Türen und Fenster sowie die notwendige Möblierung. Dieser Zustand wird von Corputius 1566 wiedergegeben.
Das ehemalige Markthallengebäude war nach dem Neubau des Gymnasiums auf dem Burgplatz in Privatbesitz gelangt. 1882 wurde auf den seit 1507 geteilten Parzellen ein großes, unterkellertes Geschäftshaus errichtet. Die Fundamente der Markthalle hat man für die Außenmauern weiterbenutzt.
Das westliche Haus wurde im mittleren 19. Jahrhundert in spätklassizistischen
Formen neu gebaut und dabei nach Westen bis auf die Flucht der ehemaligen Markthalle erweitert. Der alte Gewölbekeller diente in der Folgezeit nur noch als Kohlenkeller und ist immer weiter zugeschüttet worden. 1944 lag der Fußboden nur noch 0,65 m unter dem Gewölbescheitel.

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Zustand bei Zerstörung 1944

Die museale Präsentation der ergrabenen Baureste versucht, verschiedene Elemente der Baugeschichte des Markthallen-Komplexes zu erhalten und zu zeigen: Bei der Markthalle selbst sind die Außenmauern und Türpfosten des 14. Jahrhunderts etwa in Höhe des zugehörigen Fußbodens sichtbar. In beiden angrenzenden Kellern wurde der Fußboden auf das Niveau des 13. Jahrhunderts abgetieft.
Das Gewölbe (1) und die beiden nördlichen Treppen (2) im westlichen Keller stammen von Umbauten des 16. bis 19. Jahrhunderts; ganz im Westen erkennt man, wie der Kellereinbau von ca. 1850 die ursprüngliche Westmauer und die zugehörige Kellertreppe schneidet (3). Im östlichen Keller wurde die fast vollständig erhaltene Wandnische der Ostmauer rekonstruiert, über der alten Nordmauer mit ihrer Wandnische sieht man die weiter hinausgehende Nordmauer von 1533. Zum Mittelpfeiler des 15. Jahrhunderts gehören die Gewölbeansätze an den Außenwänden; die Höhe der ehemaligen Holzdecke ist in beiden Kellern an den Konsolen bzw. Balkenlöchern ablesbar.

Entwurf und Gestaltung: www.langerockdesign.de
Text und Inhalt:  Matthias Untermann, Heidelberg

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