Wikinger II

FÜR DEN PLATZ AN ODINS TAFEL

Rüstung und Bewaffnung der Wikinger

Jahre 1983 feierte die Stadt Duisburg mit zahlreichen Veranstaltungen ihr 1100-jähriges.Jubiläum. Der Anlass für die fröhlichen Feiern war ein trauriger: der blutige Überfall und die Überwinterung dänischer Wikinger von 883/84. Die Nachricht über die Wikinger in Duisburg aber ist die erste gesicherte schrittliche Erwähnung des Ortes.

Tod und Zerstörung Wikinger in Duisburg

Was war im Winter 883/84 in Duisburg passiert? Darüber berichtet uns in eher dürren Worten der Abt Regino des Klosters Prüm in der Eifel. Sein Kloster selbst wurde 882 und zehn Jahre später noch einmal Opfer von Wikingerüberfällen mit zahlreichen Toten. Folgen wir dem Bericht Reginos: “ In diesem Jahr fuhren die Normannen, die aus Dänemarkt ins Kennenerland (im Norden der Provinz Holland) gekommen waren, mit Zustimmung Godefrieds (ihres Königs) zu Schiff den Rhein hinauf, und nachdem sie das oppidum Diusburh bestzt hatten, errichteten sie an diesem Ort eine Befestigung in der ihnen gewohnten Weise und verblieben dort den ganzen Winter. Gegen sie errichtete der Herzog Heinrich (von Oberfranken) ein Heerlager und ließ sie kleine Beutezüge unternehmen. Als die Frühlingszeit wiederkam, verbrannten sie das Lager und zogen sich in die Küstengebiete zurück.“ Hätten sich die Jubiläumsgäste von 1983 in der Zeit vor 1100 Jahren zurückversetzt können, wären sie an einem Herbstabend des Jahres 883 Zeugen etwa folgenden Bildes geworden: Man bereitete sich gerade in der Nacht vor, da näherte sich in Abenddämmerung auf lautlos geruderten Kriegsschiffen eine Wikingerschar auf dem Rhein. Anden Bordwänden hingen bunte runde Schilde aus Holz mit eisernen Buckeln zum Schutz der Schildhand. Hinter den Schilden saßen die Ruderer und weiter bewaffnete Manschaften. Die einfachen Kämpfer waren mit schweren Äxten ausgerüstet, andere trugen lanzen und Speere, Pfeil und Bogen. Nur die Vornehmeren besaßen lange zweischneidige Schwerter. und wenige der Anführer trugen einen Kettenpanzer und einen Helm. Neben leichten Zelten, Proviant,Hacken und Schaufeln waren auch Pferde an bord der Schiffe. Wie in den Jahren davor sollten sie für die notwendige Beweglichkeit bei Plünderzügen ins Hinterland sorgen. Die Wikingerschar hatte einen fertigen Plan, wie sie Duisburg im Handstreich nehmen konnte, und war sich auch schon über die günstigste Stelle zur Anlage eines befestigten Winterlagerse einig. Späher waren Iängst als Händler hier gewesen,
hatten die ganze Gegend inspiziert und gute Vorarbeit geleistet. Dann ging alles wohl recht schnell: Die Angreifer zogen die flachen Schitfe unterhalb des Königsholes inmitten des Marktortes Duisburg an Land, nahmen diesen im Handstreich und fielen gleichzeitig über die ahnungslosen Einwohner her. Mit Lanzen, Axten und Schwertern richteten sie ein fürchterliches Blutbad an. Die ausgeraubten Häuser wurden in Brand gesteckt, das Vich zusammengetrieben. Reiche und wichtige personen wurden als Geiseln genommen, um von ihren Verwandten Lösegeld zu erpressen. Die Wikinger plünderten auch die friesischc Handelskolonie sowie die am Rheinufer und in der Ruhrmündung vor Duisburg liegenden Handelsschiffe und versenkten sie. Wohl direkt an der ganzjährighochwasserfreien Ruhrmündung wurde ein befestigtes Lager aus Holz und Erde errichtet, die Schiffe hier an Land gezogen und winterfest gemacht. Seit Anfang der 80er Jahre sind immer mehr Bruchstücke dieses Szenarios bei Ausgrabungen in der Duisburger Altstadt zutage gekommen. Es handelt sich um Reste zahlreicher verbrannter häuser, verstreute Knochen von einem Kind und Erwachsenen, hastig verscharrte Tote beiderlei Geschlechts, darunter ein etwa 40-jähriger Mann von zwei Metern Größe, einzelne verstreute Lanzenspitzen, Teile eines Schwergehänges, ein Reitersporn und zwei niete von Wikingerschiffen – alles über weite Teile der späteren mittelalterlichen Stadt verstreut.

Normannische Schiffe auf Fahrt. Ausschnitt aus dem Teppich von Bayeux, 11. Jahrhundert.

Flucht und Verfolgung statt Ehre, Ruhm und reicher Beute
Aus den Schriftquellen wissen wir, das der Vikingerzug nach Duisburg für seine Teilnehmer nicht gut ausgegangen ist. Der ostfränkische Herzog Heinrich, einer der Hauptträger des Abwehrkampfes gegen die Wikinger, reagierte schnell. Er zog ein Heer zusammen, das von Osten her aus Sachsen aufmascierte und sein Lager am Ruhrübergang des von duisburg kommenden Hellwegs im heutigen Mülheim-Broich aufschlug. Man hinderte so die Wikinger erfolgreich an Plüngerungszügen ruhraufwärts ins sächsische Gebiet. Ziele wären sicher sicherlich das Reichsstift Essen mit seinen hochadeligen Damen und die berühmte Abtei Essen-Werden gewesen, 798 vom heiligen Ludger gegründet, beides Herzstücke des ostfränkischen Reiches. Dort erhofften sich die Wikinger reiche Beute.
Doch soweit kam es nicht, denn als sie, unter Druck geraten, im Frühjahr 884 ihr Lager in Duisburg niederbranten und sich in aller Herrgottsfrühe in Richtung  Rheinmündung aus dem Staub machten, setzte Herzog Heinrich offensichtlich erfolgreich nach und nahm ihnen ihre beute wieder ab. Am Ruhrübergang in Mühlheim-Broich liß er eine Sperrfestung errichten, die in den 1960er Jahren ausgegraben wurde und heute besichtigt werden kann. Sie sorgte dafür, dass die Wikinger nicht mehr wiederkamen. Sie sorgte dafür, dass die Wikinger nicht mehr wiederkamen.
Der wikingische Seekönig Godefried, dessen bewaffnete Mannenn nach dem Bericht Reginos von Prüm Duisburg 883/84 heimsuchten, war zu dieser Zeit kein unbekannter.
Der fränkische Kaiser Karl III., genannt der Dicke, hatte nach einer wahren Plünderungsorgie dänischer Wikinger 881/82 im Nordwesten des Reiches gerade versucht, die Nordmänner gütlich einzubinden. Ein Aufgebot aller Kräfte des Reiches, von Kaiser Karl gerufen, hatte 882 ein Wikingerheer bei Elsloo an der Maas eingeschlossen und stand kurz vor einem überwältigenden Sieg. Da begann der Kaiser mit den beiden feindlichen Anführern Friedensverhandlunge. Einer davon war Godefried. Er ließ sicht taufen, wurde Vasall des Kaisers und heiratete Gisla, eine Verwandte Karls. Reich beschenkt und schwer beladen mit Gold und Silber, entließ Kaiser Karl die Anführer der Wikinger und das ganze Heer in ihre Heimat. Godefried wurde zusätzIich von Karl mit einem Teil Frieslands und dem Kennemerland belehnt. Doch schon im nächsten Jahr billigte Godefried den von Regino erwähnten Uberfall dänischer Wikinger auf Duisburg. Vermutlich aus Ärger über den fehlgeschlagenen Zug nach Duisburg und weiter die Ruhr hinauf drohte Godefried 885, in Sachsen einzufallen. Karl musste von neuem mit ihm verhandeln. Dabei wurde Godefried von Karls Absesandten umgebracht. Karl, gesundheitlichs schwer angeschlagen, kämpfte derweil um den Erhalt seiner Macht und um seine Nachfolge. Er hatte jedoch nicht mehr die Kraft, sich gegen seine Widersacher innerhalb und außerhalb des Reiches durchzusetzen. So wählten 887 die Großen des Reiches Karls Neffen Arnulf von Kärnten, den illegitimen Sohns eines Bruders Karlmann, zum König. 

Oben: Fügellanzenspitze, unweit des mittelalterlichen Rheinufers in der Duisburger Altstadt gefungen. Die Länge der Lanzenspitze beträgt 29cm. Das Stück wird auf das 9./10. Jahrhundert datiert Darunter: skandinavischer Schiffsniet vom Alten Markt, spätes 9. Jahrhundert, Länge 7 cm. Unten: Nietplatte von einem skandinavischen Schiffsniet, Duisburg Niederstraße, 10. Jahrhundert, Dm 2,4 cm. Unten rechts: Schiffsniete hielten bei den Schiffen der Wikinger die Planken an den überlappenden Stößen zusammen. (Zeichnung: Günter Krause)
Der einzige erhaltene Wikingerhelm stammt aus Gjermundbu in Norwegen (Zeichnung: Sabine Peitz)

Kampfeslust und Beutegier
Was machte die Wikinger auf ihren Raubzügen nicht nur im Frankenreich für mehr als ein Jahrhundert so gefährlich und unberechenbar?
Es waren vor allem ihre Schiffe, die plötzliche Uberfälle ermöglichten. Es gab nichts Gleichwertiges auf dem Kontinent. Die Wikinger waren die besten Schiffbauer ihrer Zeit. Ihre bis 28 Meter langen Kriegsschiffem, mit einem Segel und mit zahlreichen Ruderpaaren versehen, waren ebenso seetüchtig wie schnell. Selbst wenn man sie erspähte, blieb meist keine Zeit mehr, die bedrohten Orte zu warnen. Mit ihrem geringen Tiefgang konnten sie mühelos auf kleinen Gewässern operieren. Diese Schiffe waren so leicht, dass man sie auch über Land trug. Sie ließen sich deshalb überall ans Ufer ziehen und benötigten keine Landungsstege.
An Land waren die Wikinger gute Lager- und Befestigungsbauer. Niemand von ihnen war sich zu schade, dabei selbst mit Hand anzulegen. So konnten sie sich auch gegen eine Übermacht in Feindesland halten. Ihre Waffenausrüstung unterschied sich nicht wesentlich von der ihrer Gegner. Alle freien Wikinger durften Waffentragen, die auch häufig die Bedeutung von statussymbolen hatten. Wir kennen zahlreiche Männergräbern. Zu den Schutzwaffen gehörte der runde schild aus Holz von etwa 1m Durchmesser mit eisernem Buckel zum Schutz der schildführenden Hand und mit eisernem Randbeschlag, bisweilen mit Leder überzogen und verziert. Eiserne Helme und Kettenpanzer waren hingegen überaus selten und sind fast nur aus bildlichen Darstellungen bekannt.
Die wichtigste Waffe war das zweischneidige Hiebschwert, die Spatha, mit bis zu 80 cm Klingenlänge. Der Kern solcher Schwerter war häufig in Damasttechnik hergestellt. Hellere und dunklere Stäbe aus unterschiedlich härtbaren Stählen wurden miteinander verschweißt. häufig noch gegeneinander verdreht -tordiert – und zum Mittelstück der Schwertklingen ausgearbeitet. An diesen Mittelteil, der durch das Verfahren der Damaszierung besonders elastisch wurde, schmiedetem an die Schneiden aus hoch härtbarem Stahl an. Durch Anschleifen und Polieren machte man die unterschiedliche Färbung der damaszierten Stahlstäbe des Mittelteils zusätzlich sichtbar. So entstanden ansprechende Muster.
Die Schwerter wurden in Holzscheiden getragen. Sie konnten, wie das  Schwertgehänge, reich verziert sein. Besonders beliebt waren fränkische Schwertklingen, obwohl die eigenen gleichwertig waren. Ihre Ausfuhr aus dem fränkischen Reich war zeitweilig verboten, trotzdem gelangten sie zahlreich in die Hände der Wikinger. Man dekorierte die GRiffe dieser Klingen nach eigenem Geschmack. Neben den Schwertern führten die Wikinger häufig kurze einschneidige Messer für den Nahkampf mit sich. Als Stichwaffen dienten Lanzen mit langen Eisenspitzen und hölzernem Schaft, zum Teil mit Flügeln versehen und reich verziert mit Silbereinlagen und Damastzirunge. Weiter wurden Wurfspeere und Bögen aus Eibebholz benutzt. Eine gefürchtete Waffe war auch die Streiaxt. Auf dem Teppich von Bayeux, der die Eroberung Englands durch die Normannen im Jahre 1066 schildert, kann man alle diese Waffen in Aktion sehen.

Funde aus Wikingergräbern in Irland, Mitte des 19. Jahrhunderts gefunden: Schwerter mit reich verzierten Griffen, Dchildbuckel, Lanzen-, Speer- und Pfeilspitzen, Messer, Spielsteine und bronzene Broschen aus Frauengräbern.(Aquarell von James Plunkett, 1847. Abdruckgenehmigung Konrad Theis Verlag)
Kampfszene aus der Schlacht von Hastings 1066. Die Käpfer tragen Kettenpanzer und eiserne Helme mit Nasenschutz. Die spitzrunden Schilde sind von Pfeilen gespickt. Unten liegen die Gefallenen der Schlacht. Ausschnitt aus dem Teppich von Bayeux, 11. Jahrhundert. (Mit besonderer erlaubnis der Stadt Bayeux)
Beigaben aus dem Bootskammmergrab von Haitabu bei Schleswig. Das grab enthielt die Spatha des fürsten (links) und die seiner beiden Begleiter, Teile einer silbernen Gürtelgarnitur, die Metallbeschläge eines eimers (hier auf einer Eimerabbildung), eine Messingpferdetrense mit Schnallen und einen Spitzbecher. Fränkisch, zwischen 780 und 820. (Foto: Genehmigung Wikingermuseum MUseum Haitabu)

Der Platz an Odins Tafel
Wie sehr Waffen und Kampf zum Leben der Wikinger gehörten und auch noch im Tode für ihre Träger wichtig blieben, beweist die Tatsache, dass sie mit ins Grab genommen wurden. Häuptlinge und Könige wurden sogar häufiger mit ihrem Schiff bestattet. Den tapfersten der im Kampfe gefallenen Krieger winkte nach den Glaubenvorstellungen der Wikinger die Ehre, von den Walküren an Odins Tafel erhoben zu werden. Die Aussicht auf den Einzug in Walhall, der  fünfhundertvierzigtorigen, mit Schilden überdachten Halle in Burg Gladsheim, die dem kriegerischen Odin, dem höchsten der Götter gehörte, mag ihren Kampfesmut ungemein beflügelt haben.
Man glaubte, dass sich dort die auserwählten Gefallenen tagsüber im Zweikampf messen oder ein mythisches Wildschwein jagen würden, das am Tägesende wieder ein neues Leben erhielt. Die Abende verbrachten die Recken an Odins Tafel mit Met und Bier, gereicht von den Walküren. So stellte man sich wohl das Paradies der Tapfersten vor.

Günter Krause

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